Hiiumaa – Die stille Insel der Leuchttürme, Wälder und weiten Horizonte
Die Insel Hiiumaa, auf der heute rund achttausend Menschen leben, gilt als eine der unberührtesten und ruhigsten Regionen Estlands. Sie entstand vor etwa 455 Millionen Jahren durch einen der ältesten bekannten Meteoritenkrater der Erde – den gewaltigen Kärdla-Krater – und besitzt daher eine geologische Geschichte, die weit über jene der übrigen Ostseeinseln hinausreicht. Die durch die Eiszeiten geformte Landschaft ist geprägt von Kiefernwäldern, Wacholderheiden, Mooren und Küstenlinien, an denen sich lange, menschenleere Sandstrände erstrecken. Schon bei der Ankunft mit der Fähre von Rohuküla nach Heltermaa spürt man, wie Hiiumaa mit seiner Weite und Gelassenheit entschleunigt und ein Gefühl von nordischer Freiheit vermittelt.
Hiiumaa ist bekannt für seine Leuchttürme, die wie stille Wächter über die Ostsee ragen. Besonders beeindruckend ist der Kopu-Leuchtturm, einer der ältesten noch in Betrieb befindlichen Leuchttürme der Welt. Er wurde im 16. Jahrhundert errichtet und bietet von seiner Aussichtsplattform einen fast endlosen Blick über Wälder und Meer. Auch der elegante Leuchtturm von Tahkuna, gestaltet im 19. Jahrhundert nach dem Entwurf von Gustave Eiffel, ist ein architektonisches Kleinod und ein beliebtes Ausflugsziel. Sein weißer Turm steht an einer der schönsten Küsten Hiiumaas, wo Wind und Wellen eine Atmosphäre schaffen, die zu langen Spaziergängen einlädt.
Die Hauptstadt Kärdla mit ihren Holzhäusern, kleinen Gärten und gemütlichen Cafés ist das lebendige Zentrum der Insel. Sie wurde am Rand des Meteoritenkraters erbaut und ist heute ein Ort, an dem sich moderne Kultur und historische Gelassenheit verbinden.
Außerhalb der Stadt findet man zahlreiche Dörfer, die ihre traditionelle Lebensweise bis heute bewahrt haben. Das Fischerdorf Kassari ist besonders beliebt – eine Halbinsel Sääretirp, die über schmale Dämme mit dem Festland Hiiumaas verbunden ist und durch ihre Vogelvielfalt, stille Uferlandschaften und weite Wiesen besticht.
Auch die Geschichte der Insel ist reich und vielschichtig. Während der verschiedenen Epochen gehörte Hiiumaa sowohl zu Schweden als auch zu Russland, und diese Einflüsse spiegeln sich noch heute in der Architektur, den Ortsnamen und den alten Herrenhöfen wider. Ein besonders eindrucksvolles Zeugnis dieser Vergangenheit ist der Suuremõisa-Herrenhof, ein prächtiges Barockgebäude, das von der schwedischen Adelsfamilie Stenbock errichtet wurde. Seine eleganten Fassaden, alten Bäume und gepflegten Parkanlagen versetzen Besucher in die Welt des 18. Jahrhunderts zurück.
Wer die raue Kraft der Ostsee spüren möchte, findet im Norden der Insel eine stark zerklüftete Küste mit versteckten Buchten und Felsen, die von Stürmen geformt wurden. Die Strände von Surnukuiv, Tõrvanina oder Kalana gehören zu den schönsten der Region, besonders für jene, die ungestörte Orte lieben.
Hiiumaa ist eine Insel, die leise spricht – durch das Rauschen der Wälder, die Stimmen der Seevögel, den Wind in den Dünen und die unwirkliche Stille abgelegener Küsten. Sie ist ein Rückzugsort für alle, die Echtheit, Natur und Ruhe suchen und die nordische Seele Estlands erleben möchten. Wer Hiiumaa besucht, entdeckt eine Welt, die sich ihren ursprünglichen Charakter bewahrt hat und jeden Besucher mit einer warmen, unaufdringlichen Gastfreundschaft empfängt.